Oxly Boote

Stapellauf

26. 4. 2012 © Kai Mauer

Ja, da ist es wieder, das aufregende Gefühl. Ich stehe auf meinem Boot, das seit viel zu vielen Monaten ein schattiges Dasein an Land fristen musste. Einige letzte Handgriffe, fast schon routiniert, dann ist es soweit. Der Hafenmeister hebt die Hand, das Seil auf der Winde beginnt sich kontrolliert zu lösen. Meine 8 Meter gleiten auf einem Schlitten hinab in ihr eigentliches Element, das Wasser. Ich wollte den Moment nicht missen, gebe mich gelassen und bin doch immer wieder so erregt, wie beim ersten Mal. An Bord bleiben durfte ich im entscheidenden Moment nicht, keine Versicherung duldet Passagiere beim alljählichen Stapellauf im Frühling. Aber ich hatte alles in der Hand. Jedenfalls suggeriert das der starke Tampen, den ich entschlossen umklammere, während ich wieder Zeuge dieses physikalischen Wunders werde, wie 2 Tonnen versenkt werden und trotzdem obenauf schwimmen.

Erste Fahrt nach dem Slippen

Natürlich lasse es ich mir nicht nehmen, mein Boot selbst vom engen Slip ins offene Gewässer zu steuern. Und natürlich nutze ich die Gelegenheit zu einer Probefahrt. Die Sonne scheint bei angenehmen 13 Grad, der See liegt noch verlassen vor mir, während meine neue Schraube vibrationsfrei durchs nasse Element dreht und mir so den nötigen Vortrieb gibt. Nein, ich drehe noch nicht auf. Und das nicht wegen der im Vergleich zum Vorjahr wieder schmerzlich gestiegenen Spritpreise, sondern aus Respekt vor dem betagten Sechszylinder, der seit beinahe einem halben Jahr tatenlos vor sich hin dösen musste.

Gleitfahrt

Aber nach einer weiteren Viertelstunde sind wir wieder eins, das Boot, die Maschine, das Wasser und ich. Ich steigere die Drehzahl erst auf 2.000, dann auf 3.000 Umdrehungen und weiß genau, dass jetzt nur noch ein ganz kleines bisschen fehlt, um in die Gleitfahrt überzugehen. Und das geben wir uns natürlich auch noch. Schließlich ist der Tank ja noch vom Vorjahr gut gefüllt, zu einem Preis, der mir heute fast günstig erscheint. Der Rumpf hebt sich aus dem Wasser und das Boot nimmt von alleine noch mehr Fahrt auf. Ein anderer Aggregatzustand, fast schwerelos, wäre da nicht die Silhouette eines weiteren maritimen Gefährts, zudem noch in blau-weiß. Ich weiß nicht, warum der Instinkt hier immer Recht behält, was das Fernglas sofort bestätigt. Nun ja, das Okular hat optisch in jeder Beziehung mehr mit einem Opernglas gemein, als mit einem Feldstecher. Und obwohl ich Opern hasse, sind sie mir doch näher, wie der militärische Terminus für eine Seehilfe.


Wasserschutzpolizei

Die Wasserschutzpolizei liegt wie eine Barrikade auf meiner Route. Jetzt nur die Ruhe behalten und ganz, ganz langsam das Gas zurück nehmen. Nicht, weil ich mich außerhalb des Limits bewege, sondern, weil ein guter Freund im letzten Jahr zur Kasse gebeten wurde, obwohl ihm keinerlei übertretung nachgewiesen wurde. Allein die Tatsache, dass er seine Fahrt "spürbar verlangsamt" haben soll, hätte ihn verdächtigt gemacht. Und geht diese besondere Spezies der Wasserordnungshüter erst mal längsseits, dann führt erwiesenermaßen kein Weg daran vorbei, dass du dieses Manöver auch bezahlen musst. Mir ist auch und gerade nach regem Austausch unter Gleichgesinnten kein einziger Fall bekannt, bei dem eine Verwarnung oder Belehrung getan hätte. Hier zahlt jeder den Tribut an die Obrigkeit, ohne Ausnahme.

30 € für Festhalten an der Schleusenleiter

Nie vergessen werde ich die Fahrt mit dem 5-Meter-Boot eines Freundes durch eine riesige Schrägwandschleuse. Nur wir und ein Boot der blau-weiß getünchten Staatsmacht lagen in der Kammer. Einhundert Meter von einander entfernt. Gleich nach dem Verlassen der Schleuse wurden wir gestoppt. Wer sonst? Nur wir waren "greifbar". Nach der obligatorischen Kontrolle der Papiere bat man uns wenig höflich aber bestimmt um eine Sondersteuer in Höhe von 30 Euro. Die Frage "Wofür?", war weder kindliche Neugier noch obrichkeitsfeindlicher Reflex. Letzteren haben wir im Griff. Es war einfach das schiere Verlangen nach Aufklärung, vielleicht gepaart mit dem Wunsch, wenigstens vorgeben zu können, dass man aus Fehlern lernen wolle. Wir hätten uns in der Schleuse auch an der gelb markierten Leiter festgehalten, war die knappe Antwort. Ja, aber die gelb markierten Poller, Stangen und Leitern seinen doch zum Festmachen oder wenigstens zum Festhalten, antworteten wir, was bei unserem Plastikboot von überschaubarer Größe und mit beherrschbarem Gewicht ja eine Option ist. Nein, hieß die barsche Antwort, die Leitern seinen zwar gelb, aber das Festhalten daran verboten. So verboten, dass es gleich 30 Euro kostet? Hätte es beim ersten Mal nicht auch eine Belehrung oder Verwarnung getan? Naiv, wie sich gleich herausstellte. "Was soll ich denn am Abend meinem Chef erzählen, wenn ich nichts in der Kasse habe? Soll ich sagen, ich habe alle belehrt?" Nun, so deutlich hätte er über den Auftrag der Wasserschutzpolizei nicht werden sollen. Das spricht für sich und für alle Erfahrungen, die ich und gleichgesinnte Sportbootfahrer bisher sammeln durften. Und es erinnert mich an die Willkür von Staatsbediensteten in autoritären Ländern. Und da ich mich als West-Berliner hauptsächlich in ostdeutschen Gewässern aufhalte, was ich im übrigen mehr als zu schätzen weiß, frage ich mich auch nicht mehr, woher diese Zeitgenossen ihre Ethik und Berufsauffassung nehmen. Nennen wir es einfach "alte Schule".

Aber heute habe ich Glück, die Raubritter halten sich schon an einem Segler schadlos. Ich habe einen Anflug von Mitleid oder Solidarität und doch fahre ich mit starrem Blick und gespielter Teilnahmslosigkeit an Täter und Opfer vorbei, nehme Kurs auf meinen Heimathafen, finde mühelos meine mir wieder zugestammte Box und mache zum ersten Mal in diesem Jahr an meiner Planke fest. Das Element hat mich wieder, ich freue mich auf die Saison und darauf, dass sich eines Tages durchsetzen wird: "Wir sind das Bootsvolk!"

Copyright © Kai Mauer | 26. April 2012 | Tags: neue Saison, slippen, Stapellauf, Wasserschutzpolizei, BerlinKommentare

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Kommentare

Björn - 26. April 2012 at 23:03 · Erstmal alles Gute für die neue Saison. Die Geschichte von der Schleuse und den 30 € Strafe ist delikat. Damit tut sich die Wasserschutzpolizei keinen Gefallen, wenn die Story stimmt. Auf den Revieren zwischen Spreewald und Ostsee tummeln sich immer mehr führerscheinfreie Charterboote, die scheinbar machen können, was sie wollen. Die Mietflöße legen ungeniert an Ufern mit den 20-Meter-Abstand-halten Tafeln an. Das kümmert keinen, soweit ich das beobachten konnte. Die 'Schiffsführer', wenn man die Mieter so nennen darf, ohne Sportbootführerschein haben offenbar Narrenfreiheit und dümpeln mitunter zum Pulk zusammengebunden in den potsdamer Fahrrinnen der Ausflugsdampfer. An Bord stehen offene Sekt- und Bierpullen. Eigentlich sollte sich die WSP um solche Fälle kümmern. Aber bitte mit Augenmaß, denn Angstmacher und übereifrige Abkassierer brauchen wir nicht auf den Gewässern.

Kai Mauer - 1. Mai 2012 at 12:44 · Auch dir Björn eine tolle Saison. Die Story mit der gelben Leiter in der Schleuse stimmt natürlich – leider. Und du hast recht, die Mietflöße und Bungalow-Boote scheinen Narrenfreiheit zu haben. Ganz offensichtlich hat die WSP hier den Auftrag, den Tourismus nicht zu verschrecken. Man hält sich dann halt doppelt an uns Sportbootfahrer und macht dabei keinen Unterschied zwischen 5 und 15 Metern. Jedenfalls nicht im Preis. Ich bleibe auf Grund meiner Erfahrungen und Beobachtungen unterm Strich bei der These, dass die WSP sehr willkürlich agiert und sich von ihren Kollegen auf dem Festland auch dadurch unterscheidet, dass sie das Legalitätsprinzip und damit die Regel "Gleiches Recht für alle" nicht sonderlich ernst nimmt, dafür aber gerne die Tradition der Vopos auf der Transitstecke pflegt.

Jens - 30. April 2012 at 09:29 · Wenn ich für jedes Festhalten an der gelben Leiter in einer Schleuse ein Ticket bekommen hätte, könnte ich mir das Boot gar nicht leisten. Da hat die Ordnungskraft deutlich überzogen. Da sie mit in der Schleuse war, hätte eine Lautsprecheransage mit der Aufforderung woanders festzumachen gereicht.

jens - 1. Mai 2012 at 07:11 · coole ansage aber leider so oft realität… die leute mit nem laser von nem angelboot aufzulauern und nach schätzung gleich 300 euronen aufzurufen ist ne frechheit… vor 2 wochen leider tatsache… lg. jens


Suse - 3. Mai 2012 at 09:50 · Ordnungshüter müssen sein. Ohne geht es nun wirklich nicht. Trotzdem gib es so Situationen. Auf der Straße ist es nämlich nicht anders. Wer viel fährt, bekommt hin und wieder ein Knöllchen, dessen Sinn unverständlich ist. Ich bin mal an eine Straße gekommen, die ein Schild als Spielstraße auswies. Ein Polizeiwagen fuhr an mir vorbei und zügig durch. Es war auch sonst niemand zu sehen. Kein Kind weit und breit. Ich fuhr ca. 20 km/h, langsamer geht es kaum, und wurde am Ende der Straße gestoppt. Zu schnell! Der Heinweis auf den Kollegen, der soeben noch zügig durchgefahren war, wurde mit Achselzucken beantwortet. "Woll'n se nun die 20 € zahlen oder auf ein Schreiben warten? Dann wird's teurer.", hieß es in Berliner Mundart. Ich habe bezahlt.

Kai - 3. Mai 2012 at 20:22 · Hallo Suse, danke für deinen Kommentar. Allein die These "Ordnungshüter müssen sein" wäre schon wieder ein Thema für einen neuen Blog, der hier aber nicht hingehört. Daher erstmal akzeptiert ;-)
Aber eine Spielstraße und eine Schleuse zu vergleichen, lasse ich bei aller Sympathie so nicht gelten. Ich wohne auch in einer Spielstraße und wundere mich täglich, wieviele Leute nicht wissen, dass hier max. 7 km/h erlaubt sind. "Kein Kind weit und breit" ist ein gefährlicher Ansatz, vor allem für spielende Kinder, die hier Vorfahrt haben. Ja, richtig, alle Fussgänger, also auch Kinder, haben hier "Vorfahrt" vor den Autos. Wenn das Kind hinter dem rollenden Ball herläuft, hast du mit 20 km/h keine Chance, der fahrlässigen Körperverletzung zu entgehen. Wenn nicht Schlimmeres. Aber all das ist nicht Thema dieses Blogs.

Die Ordnungshüter, die du ja grundsätzlich forderst, hatten in deinem Fall Recht – und waren milde mit dir. Bei mehr als dem Doppelten der erlaubten Geschwindigkeit ist eigentlich der "Lappen" fällig. Das war also in deinem Fall keine Willkür, sondern Nachsicht. Genauso kenne ich es auch von der Straße. Auf dem Wasser in den "neuen Bundesländern" ist das anders – und darum geht es in meinem kleinem Blog. Und um die Strukturen und Traditionen, die ich hinter der WSP im Osten der Republik vermute. "Freund und Helfer" hab ich jedenfalls auf einem Schiff der WSP noch nicht gefunden! Kai