Oxly - Boote

Flaggen und Ankerkette

20. 7. 2012 © Thomas Gade

Disput: "Du mußt eine Flagge führen!"

Berlin. Es war eine gemütliche Fahrt auf dem Wannsee und der Havel. Die Sonne schien, das Wetter war schön. Der Wind hatte sich gelegt und die Havel zeigte sich fast wellenlos. Wir ankerten neben der Pfaueninsel, um zu baden. Dort war das Wasser stellenweise so flach, dass erwachsene Leute mit dem Kopf über Wasser auf dem Grund stehen konnten. Wegen des nahezu geschlossenen Muschelbewuchses musste man Badelatschen tragen, um sich nicht an den scharfkantigen Muschelrändern zu schneiden.

Um uns herum lagen einige andere Boote vor Anker. Ein Freund war mit an Bord. Dieser traditionsbewußte Segler, legte mir eindringlich nahe, die deutsche Flagge am Heck zu führen und zusätzlich die Berliner. Das Thema bewegte ihn sehr an diesem herrlichen Tag. Ich hatte sogar eine Berliner Flagge nebst Flaggenstock an Bord, sie jedoch nie benutzt. Eine deutsche Flagge hatte ich bislang nicht entdeckt. Vielleicht schlummerte eine in den Tiefen der Bilgen oder in einer ganz hinteren Ecken eines Staufaches aus den Zeiten der Vorbesitzer. Zwar hatte ich das Boot damals gründlich entrümpelt und sauber gemacht, aber einige Hohlräume entdeckte ich erst später. Egal, mit hoher Wahrscheinlichkeit hatte ich keine.

Die meisten Boote um uns herum fuhren mit oder ohne wehende Flaggen, ganz nach Gusto ihrer Skipper oder ihren jeweiligen Vereinsvorschriften. Gelegentlich zogen Motorboote aus den Niederlanden vorbei – erkennbar an ihren großen Heckflaggen. Ob die tatsächlich zurecht wehte oder an Bord eines ursprünglich aus Holland stammenden, jedoch längst in Berlin oder Brandenburg heimisch gewordenen Bootes lag und nur gesetzt wurde, weil sie hübsch aussah, alles war hier denkbar. Besonders häufig waren solche Flaggen auf Boote des Typs Sloep anzutreffen, die Rettungsbooten ohne Kajüte ähnelten und in Holland populär waren, weil sie auf Grachten unter die tiefen Bögen der kleinen Brücken hindurch fahren konnten. Schwer vorstellbar, dass jemand aus den Niederlanden in so einem Boot auf dem Wasserweg nach Berlin gekommen war oder eine nicht gerade leichte Sloep auf einem Trailer an einem Pkw auf die Reise mitgenommen hatte. Abgesehen von einigen traditionsbewussten Mitgliedern der Wassersportvereine interessierten sich weder die Behörden noch die anderen Wassersportler dafür.

Das Binnenwasserrevier in und um Berlin ist weit vom nächsten Seehafen oder dem Bodensee entfernt. Gemäß den Vorschriften dürfen Sportboote hier die Bundesflagge hissen, müssen es aber nicht. An der Küste oder bei Fahrten in ausländischen Gewässern ist das anders. (Siehe Infos am Textende)


Deutsche Nationalflagge am Heck

Es ging dem Gast um die Frage des Stils und er ließ nicht locker. Auf dem Meer, so erzählte er, konnte man beim Begegnen eines deutschen Kriegsschiffes die eigene Flagge als Gruß dippen, worauf mit einem ebensolchen Vorgang auf dem anderen Schiff geantwortet werden musste.

Graf-Luckner-Romantik. Ich schaffte es mit dem Boot nur selten über die Stadtgrenze. Kriegsschiffe? Die gab es hier nicht.

Gemütlich in der Sonnenhitze dösend, stellte ich mir die Reaktion der Berliner Wasserschutzpolizei auf das Dippen der Flagge vor.
"Kommen Sie längsseits! Was war denn das gerade eben? Zeigen Sie mal Ihre Papiere!"
Nach der selbst verschuldeten Kontrolle käme dann nach lokaler Sitte die Aufforderung zur Weiterfahrt:
"Na, ick sehe, Sie ham et jut jemeint. Passen se mal uff, dat se nich …. . Jute Fahrt."
Vielleicht gäbe es zur Verabschiedung eine Broschüre über die Wassersportvorschriften gegen 20 € Verwarnungsgeld.

Die Vorstellung ging mir nicht aus dem Kopf. Deswegen rief ich einige Tage später bei der Wasserschutzpolizei WSP Mitte (Berlin) an und fragte, ob Dienstfahrzeuge auf Binnengewässern auf das Dippen der Nationalen Flagge auf Sportbooten reagieren mussten. Die freundliche und gemütliche Antwort bestätigte meine Vorstellung:
"Davon habe ick noch nüscht jehört. Wir schwenken mal die rot-weisse Flagge wenn Wellenschlag vermieden werden muss, um die anderen zu warnen."

Zurück zur Bootsfahrt und den Ausführungen des Gastes. Er wusste von einer weiteren Gepflogenheit hinsichtlich der deutschen Flagge zu berichten. In manchen Wassersportvereinen galt die Vorschrift, dass die Nationalflagge nur zwischen Auslaufen und Einlaufen in den Hafen am Boot wehen durfte. War das Boot zurück am Liegeplatz, musste die deutsche Flagge eingeholt werden. Unterließ man das und verschwand, entfernten Vereinskollegen oder der Hafenmeister den Stock mit der Flagge und verlangten vor der Rückgabe eine Bierkiste. Das Spiel hatte man mitzumachen. Solche Gepflogenheiten hatten mich bisher von Vereinsmitgliedschaften abgehalten, die finanziell preiswerter waren als meine Gebühren für Liegeplätze in gewerblichen Häfen.

Längere Ankerkette aus Niro-Stahl

Die zweite Anregung auf dieser Fahrt begann mit einer Analyse der an Bord vorhandenen Ankertechnik. Die kurze verzinkte Ankerkette erregte Mißfallen. Der Fahrgast warnte eindringlich: Nur mithilfe einer mindestens fünf Meter langen Kette aus Nirostastahl am Anker würde mein Boot sicher am Liegeplatz verbleiben, während es sonst von Wind, Wellen und Strömung davongetrieben wurde. Danach erzählte der Fahrgast eine Geschichte vom Kauf eben einer solchen Kette. Der Verkäufer hatte sie ihm zum Transport wie gekreuzte Patronengurte um den Körper gewickelt.

Ich hatte noch einen weiteren schweren Anker mit langer Kette an Bord, der im Zweifelsfall als zusätzliche Sicherung hätte herhalten können. Darüber hinaus hatte die jetzige Ankermontage den erfahrenen langjährigen Vorbesitzern des Boote gereicht. Aber die Vorstellung von einer nichtrostenden, glänzenden Ankerkette war irgendwie verlockend.

Jedoch erschienen mir fünf Meter für mein 6,5m Boot aus GFK für die stillen Havelgewässer mit windgeschützten Buchten übertrieben. Der Gedanke an das Hieven der schweren Kette mit Anker per Hand ließ mich an meinen Rücken denken. Daher wurde in einem Forum über Boote eine Diskussion zum Thema eröffnet. Was hielten die anderen Spezialisten von der Sache? Drei Meter Kette aus 8mm V4A Rundstahl ergaben sich daraus, die nach einer Online-Bestellung im Paket geliefert wurden.

Flaggenführung

Verlässliche Infos über Vorschriften und Gepflogenheiten zum Führen von Flaggen auf Sportbooten stehen auf der Website vom Deutscher Motoryachtverband' (DMYV).

Im Gesetz über das Flaggenrecht der Seeschiffe und die Flaggenführung der Binnenschiffe (Flaggenrechtsgesetz) ist festgelegt, wer überhaupt eine Bundesflagge führen darf.

Schon etwas älter, aber gut formuliert, ist ein ADAC-Merkblatt zur Flaggenführung. Man kann es als PDF-Datei herunterladen.

Entsprechende Papiere und Webseiten der Wassersportvereine sind mit Vorsicht zu genießen. Sie können vereinsinterne Vorschriften enthalten, die über die Gesetze oder den realen Pflichten in dem betreffenden Revier hinausgehen. Beispielsweise, dass Festflaggen vor der jährlichen Abschlussfahrt zu waschen sind.

Copyright © Thomas Gade | 20. Juli 2011 | Ankerkette, Flagge dippen, Motorboote, Nationale Flagge, Nirostastahl, Sportboote, V4S