Oxly - Boote

Das Segelboot an der Müritz

22. 11. 2013

"Du hast dein Boot an der Müritz?" – Diese Frage, beinahe wie ein Vorwurf ausgesprochen, kenne ich gut aus meinem Berliner Bekanntenkreis. Einige sind selbst Bootseigner mit Liegeplätzen an Berliner Gewässern. Natürlich ist es angenehm, in 20 Minuten von zuhause zum Boot zu kommen, und gerne fahre ich mit, wenn ein Kumpel anruft und mitteilt: "Gleich geht es los." Für einen Freiberufler ist die Möglichkeit wunderbar, auch innerhalb der Woche an Tagen mit schönem Wetter die Arbeit liegen zu lassen, um stattdessen auf der Havel zu schippern.

Dennoch schätze ich meinen Liegeplatz in einem traditionellen Bootshaus in der Binnenmüritz. Das Autofahren macht mir (meistens) nichts aus, und erst einmal angekommen befinde ich mich in einer landschaftlich äußerst reizvollen Region mit einem Binnenrevier, das durch den größten deutschen Binnensee, die Müritz, mit zahlreichen Abzweigungen in andere Gewässer eine Atmosphäre bietet, die auf der Havel zwischen Berlin und Potsdam nicht zu finden ist. "Natur pur", sage ich dazu. Einige Berliner Freunde, die sich selten mehr als zehn Kilometer vom Brandenburger Tor entfernen und mehrwöchige Bedenkzeiten benötigen, wenn man sie fragt, ob sie für einen Tag zur Müritz mitkommen wollen, ahnen nicht, was sie verpassen. Die langen Bedenkzeiten dienen ihnen vor allem zum Ausdenken einer plausiblen Ausrede und der Hoffnung, dass ich meine Einladung vergesse.

Auf der Müritz sehe ich den Seeadler, der Fische aus dem Wasser greift, gewaltige Schwärme von Blesshühnern sowie das alltägliche Drama des natürlichen Miteinanders der verschiedenen Arten, seien es Fische, Vögel oder Wild an den Ufern. Sie lassen sich von mir und meinem Segelboot nicht stören.


Unterwegs auf der Müritz

Es heißt 'Calmar' und ist eine hölzerne 15er Jolle mit dem entsprechenden Pflegeaufwand, den so ein altes Schätzchen benötigt. Auch das ist ein Thema mit meinen Berliner Bootsfreunden. Die machen es sich leicht: "Kauf dir ein Boot aus GFK, dann hast du den ganzen Stress nicht!" Doch es macht mir Freude, mich den handwerklichen Herausforderungen eines alten Holzbootes zu stellen. Statt schnödem No-Name-Acryllack gibt es für Holzboote spezielle Anstriche mit wohlklingenden Namen wie Epifanes, Tonkinois oder Owatrol. Kenner wissen, was ich meine. Wasser, UV-Licht, Restfeuchtigkeit im Holz oder die falschen Schuhsohlen sind die großen Gegner, denen mit den richtigen Lackierungen zu trotzen ist.

Wenn um meinen Schwertkasten etwas Wasser ins Boot sickert, ist dies ein willkommener Anlass, Bootswerkstätten an der Müritz zu besuchen, um mit den dortigen Bootsbauern Fachgespräche zu führen, die leider – und gleichzeitig auch zu meinem Glück – neue Begehrlichkeiten hinsichtlich der regelmäßigen Renovierungen am Boot erzeugen. Es interessiert mich sehr zu sehen, wie ein guter Bootsbauer die Planken eines Holzbootes fachmännisch auf die Holzspanten aufbringt und einen Rumpf entstehen lässt, der bei guter Pflege viele Jahrzehnte lang die Basis für ein schönes Schiff bildet. Haben Sie schon einmal ein auf Klavierlackglanz gebrachtes Bootsdeck aus Holz gesehen? Das ist etwas anderes als ein Kunststoffboot mit einer relativ anspruchslosen Oberfläche und dem Charme eines Joghurtbechers. Ja, Letzteres mag nur eine psychologisch notwendige Betrachtung sein, um ein deutlich pflegeintensiveres Fahrzeug zu rechtfertigen. Geschenkt.


Natur pur, glänzendes Holz und keine EU-Flagge am Heck

Mein Boot heißt 'Calmar' und ist eine Segeljolle. Sie ist in einem Bootshaus geparkt, das auf Pfählen in der Binnenmüritz steht. Der Liegeplatz hat seinen Reiz. Er steht nicht jedem zur Verfügung, denn es gibt nur wenige davon, und ich bin froh, einen zu haben, trotz der Mühen, die damit verbunden sind. Nehmen wir mal den Winter. Es friert und auf dem See bildet sich eine Eisschicht. Sie liegt nicht ruhig auf dem Wasser, sondern bewegt sich und übt eine starke mechanische Belastung auf die Pfähle des Bootshauses aus. Besonders in der Zeit der Schmelze, wenn sich Risse in der Eisdecke bilden und sie durch Wind und Strömung in diese oder jene Richtung drängt, kann sie den Pfählen Schäden zufügen. Deswegen kommt es vor, dass die Liegeplatzinhaber eines Bootshauses mit Äxten und Sägen Brüche in der Eisdecke erzeugen, an denen sich die 'tektonische' Energie der sich aneinander bewegenden Eisschollen verbraucht. Ist der See mit einer tragfähigen Eisdecke zugefroren, gelangen Spaziergänger zu den Bootshäusern. Nicht alle laufen daran vorbei; einige möchten auch mal sehen, was sich darin befindet oder haben kriminelle Absichten. Verluste und Sachschäden sind vorprogrammiert. Deswegen befestigen wir metallene Absperrgitter, wie man sie von Bauzäunen kennt, unterhalb der Türen, die etwas über der Wasseroberfläche enden. Sie frieren im Winter fest und verhindern den Eintritt ungebetener Besucher – zu denen nicht nur Menschen gehören, sondern auch wilde Tiere, die auf die Idee kommen, eines unserer Boote als gemütlichen Unterschlupf für den Winter zu missbrauchen oder nach Brauchbarem zu durchwühlen.


Aufgebockt für die Winterpause

Dass ein Bootshaus nicht nur eine schnöde Garage ist, davon zeugt die gute Nachbarschaft unter den dort beheimateten Liegeplatzbesitzern. Aber es gibt auch Dramen. Zum Beispiel fiel mal einer vom Steg, verhedderte sich dabei mit den Beinen in Leinen, konnte sich nicht befreien und ertrank. Tragik und Gesprächsstoff für Jahre zugleich.

Wenn ich auf meinem Calmar bei gutem Wind über die Müritz segle, sind alle Bedenken hinsichtlich der Anstrengungen und des Aufwands wie weggeblasen. Das Boot pflügt durch die Wellen, die ganz andere Dimensionen haben als auf den Berliner Seen. Die deutsche Fahne hinter mir flattert lustig.

Müritz leergefegt

5. 11. 2014

Auf den Spanier aus Galicien war Verlass. Anfang November genügte ein Anruf des Skippers, um einen Segeltörn auf der Müritz zu verabreden. Für andere war bereits der Winter angebrochen. Sie hatten abgewunken, obwohl die Sonne schien, milde Temperaturen vorherrschten und ein mäßiger Wind wehte. Beste Bedingungen für angenehme Stunden auf dem Wasser, auch wenn die Abenddämmerung bereits am späten Nachmittag einsetzte.

Ein kleines Spannungselement fuhr mit. Das Auto hatte mehrmals aus unklarer Ursache gestreikt und der Skipper hoffte, dass es die Fahrten von Berlin nach Waren und zurück ohne Ausfall überstand. Der Spanier wusste nichts davon und stieg gelassen ein.


Jollenkreuzer mit gelegtem Mast

Sie fuhren nach Waren, parkten und gingen durch ein kleines Wäldchen zu den Stegen bei den Bootshäusern. In einem dümpelte der hölzerne Jollenkreuzer Calmar. Er wurde aus seiner Box manövriert und sein Mast aufgerichtet. Proviant war an Bord. Sie liefen aus, durchquerten die Binnenmüritz und erreichten die Müritz, einen knapp 18 km langen See in Mecklenburg-Vorpommern, dessen ursprünglich slawischer Name 'kleines Meer' bedeutet.


Leichte Schräglage ...

Im Sommer ist hier allerhand los. Diverse Charterunternehmen vermieten große und kleine Sportboote an mehr oder weniger erfahrene Freizeitkapitäne, die mitunter bei den erstaunlichsten Manövern zu beobachten sind. Eine Kette aus vielen Seen, verbunden durch Kanäle und Flüsse in einer reizvollen Landschaft, macht Mecklenburg-Vorpommern zum schönsten Binnenrevier Deutschlands, und der sommerliche Wassertourismus gehört zu den Säulen der regionalen Wirtschaft. Die Gewässer werden von Anglern, Wasserwanderern in Kanus, Kajaks, Faltbooten, Motor- und Segelbooten genutzt. Zudem sind Ausflugsdampfer unterwegs.


Fast alleine auf der Müritz. Skipper an der Pinne

An diesem frühen Novembertag war die Müritz wie leergefegt. Die Besatzung des Calmar hatte den See für sich, sah man von einigen Anglern ab, die vor den Schilfgürteln ankerten. Der stetige Wind trieb das Boot gut voran. Saß der Skipper an der Pinne, wurde lehrbuchartig gekreuzt, während der Spanier es locker anging und den Calmar ohne klares Ziel steuerte. Wo sollte man auch hin? Klar war letztlich nur, dass nach einigen Stunden Fahrt der Ausgangspunkt wieder zu erreichen war. So kreuzte der eine nach Landmarken und der andere nach Gefühl. Sinnlos, aber schön. Der alte Jollenkreuzer, im besten Pflegezustand, aus Holz und mit zeitlosem Schnitt, war in seinem Element. Das Anlaufen eines fremden Hafens lohnte nicht mehr. Die Gastronomie am Wasser war geschlossen, und die wenigen Tageslichtstunden in dieser Jahreszeit waren ohnehin zu kostbar, um sie an einem Restauranttisch zu vertrödeln.

Fotos: Norbert Mielke

Die Reparatur des Schwertes

2019 stellte sich heraus, dass der Drehpunkt am hoch- und herunterklapparen Schwert, ein Bolzen aus Metall, verschlissen war. Er musste ausgetauscht werden. "Wenn schon, denn schon!", dachte der Skipper. Dann kann man auch gleich das rostende Schwert durch ein neues aus Edelstahl ersetzen. Es gab einige Recherchen. Die Jahre verstrichen. Nichts passierte. Seitdem liegt das Boot ungenutzt im Bootshaus.